Archiv für den Autor: marty

Smarte Algorithmen

Mittlerweile wählen sie Bücher für uns aus, sagen uns, wieviel wir essen dürfen, welche Geschäftsstrategie die beste ist, und geben Tipps, wo wir am besten ausgehen können, wenn wir (nur) unseresgleichen treffen wollen. Die smarten Algorithmen. Miriam Meckel, Evgeny Morozov und andere machen darauf aufmerksam, dass wir mit dem Denken auch die Verantwortung und Selbstbestimmung aufgeben. Zumindest tendenziell.

Wahrscheinlich ist es nicht umsonst so, dass die Lehre von den smarten Zielen ein wichtiges Kriterium unterschlägt: Ziele – wie zum Beispiel: “Lass uns einen smarten Algorithmus entwickeln, der uns sagt, was wir wollen” – müssen ökologisch sein. Die entscheidende Frage dabei ist: Welchen Preis muss ich bezahlen, wenn ich das Ziel erreicht habe? Was verliere ich dadurch?

Wie dem auch sei: Was wir nicht an smarte Algorithmen deligieren sollten, dass ist das Nachdenken über die ökologischen Folgen, die es hat, wenn wir das smarte Denken nicht mehr selbst übernehmen. (mb)

Gambiarra oder wie euch die Welt gefällt: Fotoaktion zum Mitmachen

Manchmal ist das, was wir im Laden kaufen können, einfach nicht das, was wir brauchen. Oder zu langweilig. Mit wenigen Handgriffen können aus Dingen neue Gebrauchsgegenstände entstehen. Häufig sogar ganz spontan. In Brasilien nennt man solche Abwandlungen Gambiarra, die Amerikaner sagen jerry rigging dazu und in Japan heißt das Chindōgu, was soviel bedeutet wie “seltsames Gerät”.  Auch Upcycling meint letztlich das Gleiche.

Jeder kennt solche Dinge oder Wege, die abgewandelt und neuen Nutzen zugefügt wurden. art 2.0 lädt ein, selbst Geschaffenes und irgendwo Gesehenes im speziell für diese Aktion eingerichteten tumblr-Blog “wie es euch gefällt” zu posten. Macht mit!

Mehr zum Thema Gambiarra bei Martin Butz im Blog.

Plunderphonics – Nachtrag

Am 29.06. stellte die art 2.0 in der V8-Galerie den kanadischen Musiker und Komponisten John Oswald und die amerikanische Band Negativland vor. Beide gerieten aufgrund ihrer besonderen musikalischen Praxis mit dem Copyright in Konflikt. Beide haben diesen Konflikt von Eigentum und Kreativität in ihrer Arbeit bis heute immer wieder thematisiert. Im Nachgang habe ich einen Artikel über John Oswald geschrieben.

art 2.0 Abend: Plunderphonics

Copyright und Culture Jamming mit verbotener Musik

1985 verwendet der kanadische Komponist John Oswald den Begriff “Plunderphonics” in einem Aufsatz mit dem Titel: “Plunderphonics, or Audio Piracy as a Compositional Prerogative”. Oswald beschreibt mit dem Begriff ein kompositorisches Verfahren, welches im engeren Sinn als ‘Sampling’ gedeutet werden kann. Doch geht die ‘Klangplünderei’ weiter und zugleich tiefer: Der Fundus existierender Tonaufnahmen – einschließlich reiner Sprachaufnahmen – wird analysiert, zerlegt, temporal bearbeitet und wieder neu zusammengesetzt. Die neuen Werke bestehen zudem komplett aus Fremdmaterial. Es wird nicht verwundern, dass Oswald mit dem Copyright in Konflikt geriet. Sein 1989 erschienenes Album “Plunderphonics” mit weitgehenden Bearbeitungen – wenn man dies so noch zu nennen wagt – von Beethoven, Strawinsky, den Beatles, James Brown, Michael Jackson und anderen wurde auf Initiative der kanadischen Tonträgerindustrie verboten. Ab und an kursiert das Album jedoch zum Download im Netz, wie jüngst auf UbuWeb.

Auch Negativland ist subversiv. Die amerikanische Rockband wurde insbesondere im Zuge der Veröffentlichung einer Single mit dem Namen “U2″ bekannt. Das Cover zierte eine Aufnahme des Bombers mit den bildfüllendend unterlegten Zeichen “U2″; klein darunter “Negativland”. Die Aufnahme verarbeitete u. a. den U2-Song “I Still Haven’t Found What I’m Looking For” in Form einer parodistischen Audio-Collage. Island Records setzte ein Verbot der Single durch, mit welcher in Plattenläden ganze Schaufenster tapeziert wurden, weil dort brennend die neue Scheibe der irischen Weltrockband erwartet wurde. Doch diese öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung ist eher Oberflächengekräusel: Von jeher setzte sich Negativland kreativ, lustvoll, kritisch und subversiv mit der uns umgebenden (kapitalistischen) Kultur auseinander. Sie waren es auch, die den Begriff des “Culture Jamming” als Kunstform prägten: Werbung und Markenkommunikation wird gegen den Strich gebürstet, enttarnt, unterlaufen, angeeignet.

Dies alles sind genug Gründe für art 2.0, einen Abend lang gemeinsam etwas über Oswald und Negativland zu erfahren, Videos anzusehen und Musik zu hören.

Termin: Mittwoch, 29. Juni 2011 Einlass: 19 Uhr, Beginn: 19:30 Uhr

Ort: V8 Galerie, Mohrenstraße 2, D–50670 Köln

Anfahrt: http://maps.google.de/maps?f=q&hl=de&q=Mohrenstrasse+2,+50670+Koeln&sll=50.092393,10.195313&sspn=20.908939,33.354492&ie=UTF8&z=16&om=1&iwloc=addr

Einen Artikel zu John Oswald gibt es im Blog von Martin Butz.

art 2.0 Lichtspielabend mit Hacker

Wer ihn (wie wir) im Dezember in der Kölner Filmpalette verpasst hat oder gerne noch mal sehen will, ist herzlich eingeladen zum art 2.0 Lichtspielabend mit dem Film

Hacker – Porträt einer Gegen-Kultur

von Alexander Biedermann

„Alexander Biedermann begegnet fünf Hackern, die unterschiedliche Lebenswege gehen und sich einen Namen in der Hackerszene gemacht haben. Ihre Geschichten sind oft so kurios wie überraschend: Steffen Wernéry und Reinhard Schrutzki gehören zu der ersten Hacker-Generation. Als Pioniere eines neuen Zeitalters entdeckten sie hinter der Telefonbuchse ihres Hobbykellers eine unbekannte Welt. Die Mitbegründer des Chaos Computer Clubs sind die Hacker von damals, die mit dem legendären NASA-Hack von 1987 in Verbindung gebracht werden. Irgendwann holten sie die Ereignisse in Form von staatlichen und gegenseitigen Verdächtigungen ein. Was ist geblieben vom Pioniergeist?“

Mehr Infos und ein Trailer zum Film:
http://www.hacker-film.de/

Termin: Dienstag, 22. März 2011. Einlass 19 Uhr, beginn 19:30 Uhr.

Ort: sym.net, Hansaring 78, 50670 Köln

Ecke Weidengasse, schräg gegenüber S- und U-Bahnhaltestelle Hansaring.

Der Eintritt ist frei. Bitte kurz per E-Mail anmelden wegen der Sitzplätze.

Wir freuen uns auf zahlreiches Erscheinen.

art 2.0 zeigt diesen Film in Kooperation mit der Kölner Internet Union e.V.

Vortragsabend: Good Copy, Bad Copy

Termin: Donnerstag, 25. November 2010, Beginn 19:30 Uhr
Ort: sym.net, Hansaring 78, 50670 Köln

Unterhaltsam-kritische Betrachtungen zum Copyright mit Martin Butz – für alle Konsumenten, Prosumenten und Produzenten kreativer Werke.

Im digitalen Zeitalter geraten Schöpfer kreativer Leistungen schnell in Konflikt mit dem Copyright bzw. Urheberrecht, nach dem hierzulande über Gebrauch und Missbrauch geistiger Werke geurteilt wird.

Helene Hegemann bedient sich für ihren hochgelobten Roman Axolotl Roadkill an Bloggerzitaten, die FAZ-Redaktion versteht den Umgang mit Creative Commons Lizenzen nicht und nun behauptet Rafael Horzon, Helene Hegemann sei die Ghostwriterin seines jüngst erschienen Werkes “Das weiße Buch”. Das ist nicht verboten, aber wem genau und auf welche Weise nützt das Urheberrecht eigentlich? Wo liegt der Unterschied zwischen Urheberrecht und Copyright? Und inwiefern ist es möglich, etwas wirklich Originäres zu schaffen – bauen wir nicht alle aufeinander auf?

“Vom kreativen Zweifel an immateriellen Eigentumsrechten” erzählt Martin Butz in seinem Vortrag “Good Copy, bad Copy” und nimmt uns nach der Premiere auf der Cologne Commons Konferenz erneut mit auf eine Reise durch die Geschichte des Copyrights vom antropofagischen Manifest über The Verve’s Bittersweet Symphony bis hin zur Anleitung von Florian Freier, wie man einen Gursky einfach selber macht.

Eintritt frei, Anmeldung erwünscht an orga(at)art-zweinull.de

Version 1.0 bei den Cologne Commons – Konferenz & Festival  für digitale Kultur

Resumée – art 2.0-Expertenabend: Was ist relevant für die Wikipedia?

Wikipedia unter Beschuss

Es gab und gibt viel Kritik um Wikipedia und die Frage, warum Artikel gelöscht werden, und was es denn mit den sogenannten “Relevanzkriterien” auf sich hat.

Am 01.04. folgte Tim Bartel der Einladung von art 2.0 und berichtete über diese und andere Fragen. Tim ist im Vorstand der Wikimedia, einer Organisation, “die Freies Wissen fördert”. Er ist langjähriger Wikipedianer, und als solcher war er der ideale Referent für diesen Abend.

Relevanzkriterien sind Orientierungshilfen

Eine wichtige Sache, die ich begriffen habe, will ich hier gleich am Anfang vorzeigen: Relevanzkriterien sind eher Orientierungshilfen und weniger Türsteher: Wenn sich eine Autorin die Frage stellt, ob eine Person, eine Sache oder was auch immer in die Wikipedia hineingehört, beraten die Relevanzkriterien.

Achim Raschke, von Hause aus Zoologe und langjähriger Autor einer Vielzahl von Artikeln, gab das folgende Beispiel: Es gibt derzeit in etwa 20.000 beschriebene Tierarten in der Wikipedia; dies gegenüber einer geschätzten Millionenanzahl auf der Welt. Lebewesen sind immer relevant. Er selbst wie auch die Mitautoren haben also noch viel Arbeit und können die Relevanz ihres Themenbereichs als gegeben voraussetzen.

Konsens über Relevanz?

Auch wenn Relevanz grundsätzlich subjektiv ist – wie Tim weiter ausführte -, so teilen wir doch eine gewisse Vorstellung darüber, was in die Wikipedia gehört und was nicht:

Die Bundeskanzlerin, der Dekan einer Universität und die Professorin mit einem gewissen Bekanntheitsgrad für ihre Forschungen – all diese Personen sind als Bestandteil des öffentlichen Lebens relevant, was den Eintrag in einer Enzyklopädie anbelangt. Demgegenüber verlangen wir vernünftigerweise nicht, dass es einen Artikel über die studentischen Hilfskräfte oder gar jeden einzelnen Studenten einer Hochschule geben solle. Öffnungszeiten eines Museums, Sendezeiten von Fernsehserien oder aktuelle Veranstaltungen sucht man weniger in der Wikipedia; das Museum und seine Bedeutung innerhalb der Museumslandschaft, Episodenlisten bekannter Serien oder die Erwähnung eines regelmäßig stattfindenden Musikfestivals mit überregionaler Bedeutung hingegen schon. Hier greifen Relevanzkriterien wie Prominenz, Dauerhaftigkeit und öffentliche Bekanntheit.

Inklusionisten und Exklusionisten

Einigkeit herrscht darüber, dass die Wikipedia nicht die ‘Welt noch einmal’ ist. Ihr ausgewiesener enzyklopädischer Anspruch gebietet, das Wissen unserer Zeit zu kartografieren. Streit gibt es jedoch immer schon und immer noch über die Frage, wo eine solche Grenze zu ziehen ist. Hier stehen die sog. Inklusionisten den Exklusionisten gegenüber. Erstere plädieren für ein möglichst umfassendes Lexikon – extreme Inklusionisten akzeptieren jedes Artikelthema, solange es sich nicht um vandalistische Einträge handelt (“Herr Müller ist doof und stinkt.”). Exklusionisten möchten die Artikelanzahl tendenziell beschränken, um die Qualität und Wartbarkeit zu erhöhen. Im Extremfall soll die Wikipedia zum besseren Brockhaus werden.

Tims salomonische Lösung: Irgendwo in der Mitte treffen. Mit anderen Worten: Die Diskussion um die Relevanz ist notwendig, erwünscht und völlig normal. Das Problem ist lediglich, dass die zuweilen ruppigen Diskussionen und schliessliche Löschung von Artikeln, die gemäß der Relevanzkriterien nicht in die Wikipedia gehören, eine Vielzahl gerade neuer Autoren frustrieren und von der weiteren Mitarbeit abschrecken.

Relevanz und Qualität

Auf den ersten Blick erscheinen manche Relevanzkriterien bürokratisch, kleinlich und willkürlich: “Ein Musikfestival ist relevant, wenn es mindestens einmal 10.000 Besucher verzeichnen konnte oder es über mindestens zehn Jahre von mehr als 5000 Personen besucht wurde.” Allerdings sind sämtliche Kriterienkataloge Ergebnis einer Diskussion, die von den Wikipedianern geführt wurde und geführt wird. Dies sind meist Autoren des jeweiligen Fachgebiets. Damit beantworten die Relevanzkriterien oft nicht nur die Frage, worüber in der Wikipedia geschrieben werden kann und soll, sondern geben auch Aufschluss darüber, welche Informationen ein Artikel mindestens enthalten muss und auf welche Weise diese abgesichert sein müssen. Relevanzkriterien sind gleichzeitig auch Qualitätskriterien.

Ganz wichtig: Auch die derzeit gültigen Relevanzkriterien haben z. T. diverse Löschanträge überstanden, entsprechen somit dem Konsens einer Fachgemeinschaft und bleiben trotzdem ständig im Fluss und prinzipell änderbar.

Als Ergänzung kann ich sehr die einführende Selbstbeschreibung der Wikipdia sowie einen Blick in die Relevanzkriterien empfehlen.

Es bleibt ein herzliches Dankschön an Tim Bartel, die aktive Zuhörerschaft und … die Wikipedia.

Der Vortrag ist als Video verfügbar. (Leider in nicht optimaler Qualität. Wir arbeiten daran …)

Antropofagia – Plädoyer für eigenartiges Lernen

Session auf dem BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter von Martin Butz.

Der Vortrag stellt ein geplantes aber bislang noch nicht durchgeführtes Kunstprojekt des französisch-brasilianischen Künstlers Roberto Cabot vor. Dabei soll der Film “How Tasty Was My Little Frenchman” (1971) des brasilianischen Regisseurs Nelson Pereira dos Santos auf das Copacabana Palace Hotel in Rio de Janeiro projeziert werden. Damit wird das koloniale Bauwerk für die ‘antropophagische Geschichte’ des Films gleichsam missbraucht und wiederangeeignet.

Das Kunstprojekt dient im Vortrag als Beispiel, um den Begriff der “Antropofagia” einzuführen. Dieses Konzept einer emanzipatorischen Kulturtechnik ist bekannt geworden durch Oswald de Andrade, der die brasilianischen Künstler 1928 in seinem antropophagischen Manifest 1928 zur produktive Aneignung der (kolonialen) Dominanzkultur auffordert: “Der Brasilianer als kultureller Kannibale, der gierig fremdes Kulturgut verschlingt, es mit eigenen Elementen vermengt und als etwas Verändertes wiedergibt.” (Alexander J. Wahl)

Ich verstehe die ‘Antropofagia’ als Metapher, die eine Art der Weltaneignung beschreibt. Die anthropophagische Art zu Lernen entsteht aus einer vermeintlichen oder realen Unterlegenheit gegenüber den Gegenstand des Interesses oder besser: der Art und Weise, wie dieser nach der dominanten Ideologie zu verwenden ist. Indem der vormalige Kontext einer Sache ignoriert, die Gebrauchsanweisungen und Nutzungsverbote missachtet worden sind, verleibt sich der (metaphorische) Antropophage den Gegenstand seines Interesses ein: Die Sache wird neu gedeutet, egoistisch mit Sinn belegt. Analoge und ähnlich Konzepte hierzu: Mashup, Bricolage, Eklektizismus, Synkretismus, Remixing, sweded version.

Der Vortrag versammelt weiterhin Beispiele unterschiedlichen Art, die in mehr oder weniger großen Anteilen im oben genannten Sinn ‘anthropofagisch’ sind.

Präsentation als PDF zum Download (1,9 MB) Antropofagia – Plädoyer für eigenartiges Lernen

Übersicht Sessions BildungsCamp

Antwort auf: Sind Edu- oder BarCamps nur eine Modeerscheinung?

Der Einladung zu Beiträgen für die 8. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival von Martin Ebner folgend möchten wir gerne auf diese Frage eingehen.

Es gibt nur einen Weg, um zu erfahren, ob BarCamps eine gute Sache sind: selbst eins besuchen. Oder warum nicht gleich selbst eins organisieren. Erst mit dem Klick im Kopf erschließt sich die Genialität des Formats in all seiner Schlichtheit. Räume, Teilnehmer, Themen, etwas Technik und ausreichend gute Verpflegung – mehr braucht man nicht, um ein BarCamp auf die Beine zu stellen, das allen nachhaltig als besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben kann, sowohl fachlich als auch persönlich.

10 gute Gründe für BarCamps

Wissensaustausch

In BarCamps darf Wissen und Unwissen zirkulieren. Wissen wird im besten Sinn ausgetauscht. BarCamps ermutigen auch Teilnehmer, die nicht unbedingt ausgewiesene und selbstbehauptete Experten sind. Insofern bietet sich die Chance zum echten Austausch und Lernen.

Gespräche

BarCamps sind sozial. Schon am Morgen des ersten Tages – so belegt die Praxis immer wieder – ergeben sich erstaunlicher- und erfreulicherweise Gespräche zwischen Teilnehmern, die sich zunächst eben nur die Teilnahme teilen. Das offene Klima von BarCamps fördert den Austausch.

Alternative

BarCamps bereichern das Konferenzangebot. Der Begriff “Unkonferenz” steht für die echte Alternative, die BarCamps gegenüber herkömmlichen Konferenzformaten darstellen. Man kann ein BarCamp auch als „Echtkonferenz“ bezeichnen.

Aktivität

BarCamps fördern die aktive Teilnahme. Neulinge sind zum Teil sehr erstaunt über die Tatsache, dass sich so viele an der Programmgestaltung beteiligen. Man ist eher vornehme Zurückhaltung gewöhnt, wenn die Frage kommt: Wer möchte eine Session halten. Doch je mehr sich Beteiligen, desto eher wird diese Zurückhaltung aufgegeben und vormals schüchterne Teilnehmer tragen aktiv bei.

Kommunikation

BarCampen ist eine Art ‘Real-World-Blogging’: Die Sessions sind die Blogbeiträge, die Diskussionen innerhalb der Sessions sind wie die Kommentare zu einem Blogbeitrag. Wenn man also fragt, ob BarCamps Modeerscheinungen sind, dann sind es Blogs auch.

Qualität

BarCamps regulieren sich selbst – was die Qualität anbelangt. Wem das Niveau zu niedrig ist, wem ein Thema fehlt, der kann dies unmittelbar korrigieren – spätestens am zweiten Tag. (Zu herkömmlichen Konferenzen: Teilweise war und ist das Niveau qualitativ erstaunlich niedrig.)

Kreativität

BarCamps sind ThinkTanks. Auf BarCamps ist es möglich, eine Session mit einer Fragestellung einzuleiten und diese im weiteren Verlauf mit den Teilnehmern zu klären. Oft bringt ein solcher Prozess allen Beteiligten eine Menge. Unwissen, Fragen und experimentelle Gedanken können als behandelt werden, was sie sind: selbstverständlich und notwendig für jeden Klärungsprozess.

Stimmungsbarometer

BarCamps sind Meinungsbilder und -bildner. Sie geben einen Überblick zu aktuellen Positionen, Stimmungen und Diskursen.

Netzwerken

Auf einem BarCamp treffen Menschen zu einem bestimmten Thema zusammen, aber nicht jeder weiss gleichermaßen über alle Bereiche Bescheid. Im persönlichen Gespräch werden schnell Anknüpfungspunkte gefunden – für eine gemeinsame Gestaltung der Veranstaltung und darüber hinaus.

Kollaboration

Ein Thema spontan in kleinen Arbeitsgruppen bearbeiten bringt oft erstaunliche Ergebnisse hervor. Sicher auch ein Ergebnis der entspannten Atmosphäre und des gemischten Publikums mit unterschiedlichen Perspektiven und Kenntnissen.

Martin Butz und Anja Zielke

Was soll das Ganze?

Session auf dem BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter von Lars Gräßer und Johannes Klas.

Präsentation als PDF zum Download (59 KB) Was soll das Ganze?

Warum brauchen wir Bildungsarbeit mit Medien? Und warum brauchen wir Medienkompetenzförderung? Ersteres ist Frage der  Mediendidaktik (Lernen mit Medien). Zweiteres ist das Anliegen der Medienpädagogik (Lernen über Medien). Aber in der Praxis geht beides ineinander über und wird daher hier gebündelt diskutiert. Wir fragen also nach dem “Ganzen”.

Mediennutzung und -wandel

Die mediale Durchdringung unseres Alltags verdeutlichen folgende Zahlen:
  • Zusammen genommen verbringen wir täglich über 10 Stunden mit Medien (Quelle).
  • Zwei von drei Arbeitnehmer(innen) in Deutschland haben Computerarbeitsplätze (Quelle).
  • Jugendliche verbringen heute ebenso viel Zeit mit dem Internet wie mit dem Fernsehen. Längst ist der PC für sie unverzichtbarer als das TV-Gerät (vgl. JIM Studie 2008) Nur bei Kindern ist das Fernsehen noch das Leitmedium. Stellt sich die Frage: Wie lange noch?

Auch die Möglichkeiten der Nutzung unterliegen einem starken Wandel. Breitbandverbindungen sind immer kostengünstiger und interaktive Anwendungen einer breiten Masse zugänglicher, dank einfacherer Handhabe. Das Internet und den damit verbundenen Diensten ermöglichen es Nutzer(innen), selbst aktiv zu werden, Inhalt zu gestalten und zu veröffentlichen, vom “Empfänger zum Sender” zu werden. Die Videoplattform YouTube hat dies auf eine einfache Losung gebracht: “Broadcast yourself”. Gerne kann man da auch vom digitalem Klimawandel (Quelle) sprechen, wenn man sich des modischen Klimabegriffs bemächtigen möchte.

Diese Entwicklung zeigt sich insbesondere bei den sozialen Online-Netzwerken: Der STERN kam in der Ausgabe vom 3.9.2009 mit dem Titel “Generation Facebook” heraus. Facebook hat nach eigenen Angaben fast 4 Millionen Nutzer(innen) in Deutschland. Weltweit sollen es sogar mehr als 300 Millionen sein. Die ARD/ZDF Online Studie 2009 zieht aus diesen Zahlen einen anderen Schluss, den man zunächst nicht vermuten würde: “Die Vision des neuen Mediennutzers als stets multimedial und interaktiv Handelnden hat sich bisher nicht erfüllt.” (Quelle) Während auf der einen Seite die Nachfrage nach Videoportalen, privaten Communitys und Onlineenzyklopädien weiter ansteigt, bleibt auf der anderen Seite der Anteil der partizipativen Nutzung in Form von Weblogs, beruflichen Communitys usw. eher auf einem gleichbleibend niedrigen Stand (ebenda). Die aktive Mediennutzung konzentriert sich auf einige wenige Angebote. Von einer breit gestreuten Partizipation kann also nicht die Rede sein.

Und der Bildungsbereich? Die “neuen Medien” sind hier noch nicht wirklich angekommen, so scheint es, geschweige denn ihre partizipative Nutzung. Ein Schlaglicht: Während 90 Prozent der Lehrer(innen) ihren Unterricht am Computer vorbereiten, kommen neue Medien nur zu 20 Prozent in der Unterrichtszeit zum Einsatz (Quelle).

Partizipation für alle?

Auch wenn der Wunsch nach Partizipation steigt, kann diese sehr unterschiedlich ausfallen, blickt man bspw. auf die Bildungsbenachteiligten. Der “digital divide” findet mittlerweile auf der qualitativen Ebene der Mediennutzung statt (vgl. Kutscher u. a. 2009): Jugendlichen mit einer niedrigeren formalen Bildung steht ein wesentlich beschränkteres Nutzungsspektrum zur Verfügung als Jugendlichen mit höherer Bildung. Die Jugendlichen mit einer niedrigeren formalen Bildung sind stärker fokussiert auf die unterhaltungsorientierte oder kommunikative Nutzung (u.a. Chatten), als zum Beispiel Gymnsiast(inn)en mit höherer Bildung. Letztere sind nicht nur für eine informationsorientiertere Nutzung aufgeschlossen, sondern auch darin geübt (ebenda sowie Schmidt u. a. 2009). Das Problem: Diese ungleichen Nutzungsmöglichkeiten verstetigen sich zu Haltungen, die schließlich zu ungleichen Partizipationschancen führen.

Die Auseinandersetzung mit dieser “partizipativen Lücke” findet unserer Ansicht nach im deutschen Diskurs der Medienpädagogik aber (noch) zu wenig statt, sieht man von einzelnen Stimmen ab (Kutscher 2009, Neuß 2009). Eher ergeht man sich in akademisch geprägten Debatten (wie zum Beispiel die Diskussion “Medienkompetenz oder Medienbildung?”) bzw. schielt auf die Dynamik der medientechnologischen Entwicklung, ganz so als ob jedes neue Medium “seiner” speziellen Pädagogik bedarf. Dieser “Wettlauf” ist aber kaum zu gewinnen und führt letztlich in eine Technikzentrierung, die sich von Fragen nach dem ‘Warum’ zusehends entfernt.

Brauchen wir tatsächlich eine Medienpädagogik 2.0 oder eine Medienkompetenz 2.0? Brauchen wir ein Lernen 2.0? Wir sind nicht dieser Ansicht.

Evolutionäres Begriffsverständnis

Wichtige Impulse für die Evolution des Medienkompetenzbegriffs kommen mittlerweile aus Nordamerika, etwa von Henry Jenkins (u. a. 2006). Für Jenkins ist Medienkompetenz – im englischsprachigen Raum spricht man von Medienliteralität (“media literacy”) – Voraussetzung für ein kollaboratives Lernen, für die Teilhabe am Gemeinschafts- und Berufsleben. Dabei ist Jenkins (2006) kein einseitiger Apologet: “First, textual literacy remains a central skill in the twenty-first century” (ebenda, S. 19). Häufig wird diese Forderung bei der Jenkins-Rezeption unterschlagen, um dann ein anderes Verständnis von Medienkompetenz anzumahnen: “Second, new media literacies should be considered a social skill” (ebenda). Diese Idee ist sicher nicht neu, wird in der deutschen Debatte aber in dieser pointierten Form kaum formuliert. Sie führt uns zu einer möglichen Antwort auf unserer Frage, “was soll das Ganze?” Wir sind der Ansicht, dass es in erster Linie um Partizipation “geht”, um kulturelle Teilhabe (“participatory culture”), um Zugänge zu sozialen Netzwerken.

Bildungsziel Medienkompetenz

Warum brauchen wir also Bildungsarbeit mit Medien und Medienkompetenzförderung? Medienkompetenz ist fundamental für die Partizipation am gesellschaftlichen Miteinander. Medienkompetenz ist keine Nischen-, sondern eine Schlüsselkompetenz für die “Wissensgesellschaft”. Sie kann die demokratischen Strukturen einer Gesellschaft stärken, hat also auch einen politischen Gehalt. Diese Kompetenz sollte mit Jenkins als “Social Skill” verstanden werden.

Partizipation ermöglicht Individuen die kulturelle, ökonomische, und politische Dimension der Gesellschaft für sich zu beeinflussen – für eine lebenswertere Gesellschaft. Das soll das Ganze.

The New Media Literacies (feat. Henry Jenkins)

Literatur und Quellen

ARD-ZDF-Onlinestudie (2009): http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

Business Technology (2008): Anzahl der Computerarbeitsplätze wächst, online: Link

Kutscher u. a. (2009): Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen, LfM-Dokumentation Band 36, online: http://www.lfm-nrw.de/downloads/Doku36_Medienkompetenzfoerderung.pdf

Media Perspektiven Basisdaten: Daten zur Mediensituation in Deutschland 2008, online http://www.media-perspektiven.de/basisdaten.html#c1481

Michael Meyen (2007) Präsentation: Zehn Stunden Mediennutzung am Tag:
Deutschland einig Unterhaltungsland? online: http://www.medientage.de/mediathek/archiv/2007/Meyen_Michael.pdf

MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung (2008): Digitale Schule – wie Lehrer Angebote im Internet nutzen, Essen Link

Norbert Neuß (2009): Warum Medienpädagogik? online: http://www.gmk-net.de/gmk/warum_medien.php

Jenkins u. a. (2006): Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, online: http://www.newmedialiteracies.org/files/working/NMLWhitePaper.pdf

JIM Studie 2008, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest : http://www.mpfs.de/index.php?id=117

Jan Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0 – Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Medienforschung der LfM Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 62. Berlin: Vistas.

Kontakt

Lars Gräßer
lars.graesser@gmx.de

Johannes Klas
info@johannesklas.de

http://www.johannesklas.de

http://www.twitter.com/johannesklas

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