Archiv für den Monat: Oktober 2009

Antwort auf: Sind Edu- oder BarCamps nur eine Modeerscheinung?

Der Einladung zu Beiträgen für die 8. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival von Martin Ebner folgend möchten wir gerne auf diese Frage eingehen.

Es gibt nur einen Weg, um zu erfahren, ob BarCamps eine gute Sache sind: selbst eins besuchen. Oder warum nicht gleich selbst eins organisieren. Erst mit dem Klick im Kopf erschließt sich die Genialität des Formats in all seiner Schlichtheit. Räume, Teilnehmer, Themen, etwas Technik und ausreichend gute Verpflegung – mehr braucht man nicht, um ein BarCamp auf die Beine zu stellen, das allen nachhaltig als besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben kann, sowohl fachlich als auch persönlich.

10 gute Gründe für BarCamps

Wissensaustausch

In BarCamps darf Wissen und Unwissen zirkulieren. Wissen wird im besten Sinn ausgetauscht. BarCamps ermutigen auch Teilnehmer, die nicht unbedingt ausgewiesene und selbstbehauptete Experten sind. Insofern bietet sich die Chance zum echten Austausch und Lernen.

Gespräche

BarCamps sind sozial. Schon am Morgen des ersten Tages – so belegt die Praxis immer wieder – ergeben sich erstaunlicher- und erfreulicherweise Gespräche zwischen Teilnehmern, die sich zunächst eben nur die Teilnahme teilen. Das offene Klima von BarCamps fördert den Austausch.

Alternative

BarCamps bereichern das Konferenzangebot. Der Begriff “Unkonferenz” steht für die echte Alternative, die BarCamps gegenüber herkömmlichen Konferenzformaten darstellen. Man kann ein BarCamp auch als „Echtkonferenz“ bezeichnen.

Aktivität

BarCamps fördern die aktive Teilnahme. Neulinge sind zum Teil sehr erstaunt über die Tatsache, dass sich so viele an der Programmgestaltung beteiligen. Man ist eher vornehme Zurückhaltung gewöhnt, wenn die Frage kommt: Wer möchte eine Session halten. Doch je mehr sich Beteiligen, desto eher wird diese Zurückhaltung aufgegeben und vormals schüchterne Teilnehmer tragen aktiv bei.

Kommunikation

BarCampen ist eine Art ‘Real-World-Blogging’: Die Sessions sind die Blogbeiträge, die Diskussionen innerhalb der Sessions sind wie die Kommentare zu einem Blogbeitrag. Wenn man also fragt, ob BarCamps Modeerscheinungen sind, dann sind es Blogs auch.

Qualität

BarCamps regulieren sich selbst – was die Qualität anbelangt. Wem das Niveau zu niedrig ist, wem ein Thema fehlt, der kann dies unmittelbar korrigieren – spätestens am zweiten Tag. (Zu herkömmlichen Konferenzen: Teilweise war und ist das Niveau qualitativ erstaunlich niedrig.)

Kreativität

BarCamps sind ThinkTanks. Auf BarCamps ist es möglich, eine Session mit einer Fragestellung einzuleiten und diese im weiteren Verlauf mit den Teilnehmern zu klären. Oft bringt ein solcher Prozess allen Beteiligten eine Menge. Unwissen, Fragen und experimentelle Gedanken können als behandelt werden, was sie sind: selbstverständlich und notwendig für jeden Klärungsprozess.

Stimmungsbarometer

BarCamps sind Meinungsbilder und -bildner. Sie geben einen Überblick zu aktuellen Positionen, Stimmungen und Diskursen.

Netzwerken

Auf einem BarCamp treffen Menschen zu einem bestimmten Thema zusammen, aber nicht jeder weiss gleichermaßen über alle Bereiche Bescheid. Im persönlichen Gespräch werden schnell Anknüpfungspunkte gefunden – für eine gemeinsame Gestaltung der Veranstaltung und darüber hinaus.

Kollaboration

Ein Thema spontan in kleinen Arbeitsgruppen bearbeiten bringt oft erstaunliche Ergebnisse hervor. Sicher auch ein Ergebnis der entspannten Atmosphäre und des gemischten Publikums mit unterschiedlichen Perspektiven und Kenntnissen.

Martin Butz und Anja Zielke

Was soll das Ganze?

Session auf dem BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter von Lars Gräßer und Johannes Klas.

Präsentation als PDF zum Download (59 KB) Was soll das Ganze?

Warum brauchen wir Bildungsarbeit mit Medien? Und warum brauchen wir Medienkompetenzförderung? Ersteres ist Frage der  Mediendidaktik (Lernen mit Medien). Zweiteres ist das Anliegen der Medienpädagogik (Lernen über Medien). Aber in der Praxis geht beides ineinander über und wird daher hier gebündelt diskutiert. Wir fragen also nach dem “Ganzen”.

Mediennutzung und -wandel

Die mediale Durchdringung unseres Alltags verdeutlichen folgende Zahlen:
  • Zusammen genommen verbringen wir täglich über 10 Stunden mit Medien (Quelle).
  • Zwei von drei Arbeitnehmer(innen) in Deutschland haben Computerarbeitsplätze (Quelle).
  • Jugendliche verbringen heute ebenso viel Zeit mit dem Internet wie mit dem Fernsehen. Längst ist der PC für sie unverzichtbarer als das TV-Gerät (vgl. JIM Studie 2008) Nur bei Kindern ist das Fernsehen noch das Leitmedium. Stellt sich die Frage: Wie lange noch?

Auch die Möglichkeiten der Nutzung unterliegen einem starken Wandel. Breitbandverbindungen sind immer kostengünstiger und interaktive Anwendungen einer breiten Masse zugänglicher, dank einfacherer Handhabe. Das Internet und den damit verbundenen Diensten ermöglichen es Nutzer(innen), selbst aktiv zu werden, Inhalt zu gestalten und zu veröffentlichen, vom “Empfänger zum Sender” zu werden. Die Videoplattform YouTube hat dies auf eine einfache Losung gebracht: “Broadcast yourself”. Gerne kann man da auch vom digitalem Klimawandel (Quelle) sprechen, wenn man sich des modischen Klimabegriffs bemächtigen möchte.

Diese Entwicklung zeigt sich insbesondere bei den sozialen Online-Netzwerken: Der STERN kam in der Ausgabe vom 3.9.2009 mit dem Titel “Generation Facebook” heraus. Facebook hat nach eigenen Angaben fast 4 Millionen Nutzer(innen) in Deutschland. Weltweit sollen es sogar mehr als 300 Millionen sein. Die ARD/ZDF Online Studie 2009 zieht aus diesen Zahlen einen anderen Schluss, den man zunächst nicht vermuten würde: “Die Vision des neuen Mediennutzers als stets multimedial und interaktiv Handelnden hat sich bisher nicht erfüllt.” (Quelle) Während auf der einen Seite die Nachfrage nach Videoportalen, privaten Communitys und Onlineenzyklopädien weiter ansteigt, bleibt auf der anderen Seite der Anteil der partizipativen Nutzung in Form von Weblogs, beruflichen Communitys usw. eher auf einem gleichbleibend niedrigen Stand (ebenda). Die aktive Mediennutzung konzentriert sich auf einige wenige Angebote. Von einer breit gestreuten Partizipation kann also nicht die Rede sein.

Und der Bildungsbereich? Die “neuen Medien” sind hier noch nicht wirklich angekommen, so scheint es, geschweige denn ihre partizipative Nutzung. Ein Schlaglicht: Während 90 Prozent der Lehrer(innen) ihren Unterricht am Computer vorbereiten, kommen neue Medien nur zu 20 Prozent in der Unterrichtszeit zum Einsatz (Quelle).

Partizipation für alle?

Auch wenn der Wunsch nach Partizipation steigt, kann diese sehr unterschiedlich ausfallen, blickt man bspw. auf die Bildungsbenachteiligten. Der “digital divide” findet mittlerweile auf der qualitativen Ebene der Mediennutzung statt (vgl. Kutscher u. a. 2009): Jugendlichen mit einer niedrigeren formalen Bildung steht ein wesentlich beschränkteres Nutzungsspektrum zur Verfügung als Jugendlichen mit höherer Bildung. Die Jugendlichen mit einer niedrigeren formalen Bildung sind stärker fokussiert auf die unterhaltungsorientierte oder kommunikative Nutzung (u.a. Chatten), als zum Beispiel Gymnsiast(inn)en mit höherer Bildung. Letztere sind nicht nur für eine informationsorientiertere Nutzung aufgeschlossen, sondern auch darin geübt (ebenda sowie Schmidt u. a. 2009). Das Problem: Diese ungleichen Nutzungsmöglichkeiten verstetigen sich zu Haltungen, die schließlich zu ungleichen Partizipationschancen führen.

Die Auseinandersetzung mit dieser “partizipativen Lücke” findet unserer Ansicht nach im deutschen Diskurs der Medienpädagogik aber (noch) zu wenig statt, sieht man von einzelnen Stimmen ab (Kutscher 2009, Neuß 2009). Eher ergeht man sich in akademisch geprägten Debatten (wie zum Beispiel die Diskussion “Medienkompetenz oder Medienbildung?”) bzw. schielt auf die Dynamik der medientechnologischen Entwicklung, ganz so als ob jedes neue Medium “seiner” speziellen Pädagogik bedarf. Dieser “Wettlauf” ist aber kaum zu gewinnen und führt letztlich in eine Technikzentrierung, die sich von Fragen nach dem ‘Warum’ zusehends entfernt.

Brauchen wir tatsächlich eine Medienpädagogik 2.0 oder eine Medienkompetenz 2.0? Brauchen wir ein Lernen 2.0? Wir sind nicht dieser Ansicht.

Evolutionäres Begriffsverständnis

Wichtige Impulse für die Evolution des Medienkompetenzbegriffs kommen mittlerweile aus Nordamerika, etwa von Henry Jenkins (u. a. 2006). Für Jenkins ist Medienkompetenz – im englischsprachigen Raum spricht man von Medienliteralität (“media literacy”) – Voraussetzung für ein kollaboratives Lernen, für die Teilhabe am Gemeinschafts- und Berufsleben. Dabei ist Jenkins (2006) kein einseitiger Apologet: “First, textual literacy remains a central skill in the twenty-first century” (ebenda, S. 19). Häufig wird diese Forderung bei der Jenkins-Rezeption unterschlagen, um dann ein anderes Verständnis von Medienkompetenz anzumahnen: “Second, new media literacies should be considered a social skill” (ebenda). Diese Idee ist sicher nicht neu, wird in der deutschen Debatte aber in dieser pointierten Form kaum formuliert. Sie führt uns zu einer möglichen Antwort auf unserer Frage, “was soll das Ganze?” Wir sind der Ansicht, dass es in erster Linie um Partizipation “geht”, um kulturelle Teilhabe (“participatory culture”), um Zugänge zu sozialen Netzwerken.

Bildungsziel Medienkompetenz

Warum brauchen wir also Bildungsarbeit mit Medien und Medienkompetenzförderung? Medienkompetenz ist fundamental für die Partizipation am gesellschaftlichen Miteinander. Medienkompetenz ist keine Nischen-, sondern eine Schlüsselkompetenz für die “Wissensgesellschaft”. Sie kann die demokratischen Strukturen einer Gesellschaft stärken, hat also auch einen politischen Gehalt. Diese Kompetenz sollte mit Jenkins als “Social Skill” verstanden werden.

Partizipation ermöglicht Individuen die kulturelle, ökonomische, und politische Dimension der Gesellschaft für sich zu beeinflussen – für eine lebenswertere Gesellschaft. Das soll das Ganze.

The New Media Literacies (feat. Henry Jenkins)

Literatur und Quellen

ARD-ZDF-Onlinestudie (2009): http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/

Business Technology (2008): Anzahl der Computerarbeitsplätze wächst, online: Link

Kutscher u. a. (2009): Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen, LfM-Dokumentation Band 36, online: http://www.lfm-nrw.de/downloads/Doku36_Medienkompetenzfoerderung.pdf

Media Perspektiven Basisdaten: Daten zur Mediensituation in Deutschland 2008, online http://www.media-perspektiven.de/basisdaten.html#c1481

Michael Meyen (2007) Präsentation: Zehn Stunden Mediennutzung am Tag:
Deutschland einig Unterhaltungsland? online: http://www.medientage.de/mediathek/archiv/2007/Meyen_Michael.pdf

MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung (2008): Digitale Schule – wie Lehrer Angebote im Internet nutzen, Essen Link

Norbert Neuß (2009): Warum Medienpädagogik? online: http://www.gmk-net.de/gmk/warum_medien.php

Jenkins u. a. (2006): Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century, online: http://www.newmedialiteracies.org/files/working/NMLWhitePaper.pdf

JIM Studie 2008, Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest : http://www.mpfs.de/index.php?id=117

Jan Hinrik Schmidt, Ingrid Paus-Hasebrink, Uwe Hasebrink (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0 – Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schriftenreihe Medienforschung der LfM Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Band 62. Berlin: Vistas.

Kontakt

Lars Gräßer
lars.graesser@gmx.de

Johannes Klas
info@johannesklas.de

http://www.johannesklas.de

http://www.twitter.com/johannesklas

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Was soll das Ganze? von Lars Gräßer, Johannes Klas steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Übersicht Sessions BildungsCamp

Lernen gestern, heute, morgen

Session auf dem BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter von Tamim Swaid.

In drei Arbeitsgruppen beschäftigten sich die Teilnehmer der Session mit Lernsituationen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in den Varianten: Wie könnte es bestenfalls/schlimmstenfalls aussehen?

Präsentation als PDF zum Download (314 KB) Lernen gestern, heute, morgen

Übersicht Sessions BildungsCamp

Macht Internet doof?

Über Recherche, Google, Wikipedia …

Session auf dem BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter von Anja Zielke.

Google und Wikipedia sind die am meisten eingesetzten Recherche-Werkzeuge im Web. Folglich basieren viele verbreitete Informationen auf diesen Diensten. Wie funktionieren sie und welche Bedeutung darf man ihnen zumessen?

Auch Dank vieler erhellender Beiträge von Tim Bartel, einem aktiven Wikipedianer, der unter anderem zur aktuellen Relevanzdiskussion rund um den Blog-Beitrag “99% aller Deutschen sind irrelevant” Stellung bezog, entwickelte sich eine angeregte Diskussion über Medienkompetenz und die Frage, was man eigentlich lernen muss (“Muss ich Woyzeck lesen?”) und wofür es gut und wichtig ist, seine Meinung auf der Basis möglichst originärer Informationen und nicht etwa Sekundärliteratur zu entwickeln (“Viele Kunden fragen: Gibt es das auch als Zusammenfassung?”).

Präsentation Macht Internet doof als ODP-Datei (1,5 MB)

Übersicht Sessions BildungsCamp

Lernen im Schlaf

“Lucid Dreaming is energizing”

Session auf dem BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter von Franziska Andrä und Kerstin Neurohr.

Inspiriert von einem Artikel in der Augustausgabe der brandeins erklärten die beiden, wie man in seinen Träumen die Regie übernehmen und dabei ganz erstaunliche Dinge lernen kann.

Präsentation als PDF zum Download (617 KB) Lernen im Schlaf

Übersicht Sessions BildungsCamp

Es gibt viel zu tun …

Am 24./25. Oktober veranstaltete art 2.0 zusammen mit der Kölner Internet Union e.V. das erste BildungsCamp zu Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter.

Zwei Tage lang diskutierten rund 100 Besucher aus den Bereichen E-Learning, Unternehmensberatung, Grafikdesign, Onlinemarketing, Sozialpädagogik, Mediengestaltung, Public Relations, Wissensmanagement, Videokunst, Verlagswesen, Kinder- und Jugendhilfe, Reputationsmanagement und Informationstechnik über aktuelle Themen aus dem weiten Feld der Bildung.

“Es gibt noch viel zu tun …” ist ein Zitat aus der Session von Johannes Klas und Lars Gräßer. Ihre Themen sind u.a.  Medienpädagogik und Medienkompetenz. Doch nicht nur dort, auch in anderen Bereichen lässt sich feststellen, dass der Mensch noch viel weiter in den Vorder- und die Technik weiter in den Hintergrund rücken muss, um aus dem Internet ein für alle sinnvoll nutzbares und verantwortungsbewusst einsetzbares Medium wird.

Hier ein erster  Überblick zu den Sessions, ausführliche Dokumentationen folgen.

Wie kommt die Kunst ins BildungsCamp?

Beim BildungsCamp am 24./25. Oktober 2009 in Köln möchten wir Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter beleuchten und dazu wieder die Kunst befragen. Theoretische Stellungnahmen zu Fragen wie “Wie lernt man als Künstler?”, “Wie  lehrt man Kunst?” sind genauso willkommen wie Arbeiten, die sich mit dem Thema Bildung befassen. Martin Butz hat dazu einen Aufruf auf der Netzwerk-Plattform zum BildungsCamp veröffentlicht. Wir freuen uns über Anfragen!

Beim BildungsCamp treffen Experten und Interessierte rund um das Thema Bildung aufeinander, um aktuelle Fragen, Trends und Methoden zu diskutieren. Das Veranstaltungskonzept folgt dem Prinzip eines BarCamps, bei dem alle Teilnehmer gleichzeitig Akteure der Veranstaltung sind.

art 2.0 nutzt diese Begleiterscheinung einer neuen digitalen Lern- und Lehrkultur, um einen offenen Dialog zu aktuellen Fragen unter Menschen aus verschiedenen Bereichen zu fördern.