Schlagwort-Archiv: Open Content

Resumée – art 2.0-Expertenabend: Was ist relevant für die Wikipedia?

Wikipedia unter Beschuss

Es gab und gibt viel Kritik um Wikipedia und die Frage, warum Artikel gelöscht werden, und was es denn mit den sogenannten “Relevanzkriterien” auf sich hat.

Am 01.04. folgte Tim Bartel der Einladung von art 2.0 und berichtete über diese und andere Fragen. Tim ist im Vorstand der Wikimedia, einer Organisation, “die Freies Wissen fördert”. Er ist langjähriger Wikipedianer, und als solcher war er der ideale Referent für diesen Abend.

Relevanzkriterien sind Orientierungshilfen

Eine wichtige Sache, die ich begriffen habe, will ich hier gleich am Anfang vorzeigen: Relevanzkriterien sind eher Orientierungshilfen und weniger Türsteher: Wenn sich eine Autorin die Frage stellt, ob eine Person, eine Sache oder was auch immer in die Wikipedia hineingehört, beraten die Relevanzkriterien.

Achim Raschke, von Hause aus Zoologe und langjähriger Autor einer Vielzahl von Artikeln, gab das folgende Beispiel: Es gibt derzeit in etwa 20.000 beschriebene Tierarten in der Wikipedia; dies gegenüber einer geschätzten Millionenanzahl auf der Welt. Lebewesen sind immer relevant. Er selbst wie auch die Mitautoren haben also noch viel Arbeit und können die Relevanz ihres Themenbereichs als gegeben voraussetzen.

Konsens über Relevanz?

Auch wenn Relevanz grundsätzlich subjektiv ist – wie Tim weiter ausführte -, so teilen wir doch eine gewisse Vorstellung darüber, was in die Wikipedia gehört und was nicht:

Die Bundeskanzlerin, der Dekan einer Universität und die Professorin mit einem gewissen Bekanntheitsgrad für ihre Forschungen – all diese Personen sind als Bestandteil des öffentlichen Lebens relevant, was den Eintrag in einer Enzyklopädie anbelangt. Demgegenüber verlangen wir vernünftigerweise nicht, dass es einen Artikel über die studentischen Hilfskräfte oder gar jeden einzelnen Studenten einer Hochschule geben solle. Öffnungszeiten eines Museums, Sendezeiten von Fernsehserien oder aktuelle Veranstaltungen sucht man weniger in der Wikipedia; das Museum und seine Bedeutung innerhalb der Museumslandschaft, Episodenlisten bekannter Serien oder die Erwähnung eines regelmäßig stattfindenden Musikfestivals mit überregionaler Bedeutung hingegen schon. Hier greifen Relevanzkriterien wie Prominenz, Dauerhaftigkeit und öffentliche Bekanntheit.

Inklusionisten und Exklusionisten

Einigkeit herrscht darüber, dass die Wikipedia nicht die ‘Welt noch einmal’ ist. Ihr ausgewiesener enzyklopädischer Anspruch gebietet, das Wissen unserer Zeit zu kartografieren. Streit gibt es jedoch immer schon und immer noch über die Frage, wo eine solche Grenze zu ziehen ist. Hier stehen die sog. Inklusionisten den Exklusionisten gegenüber. Erstere plädieren für ein möglichst umfassendes Lexikon – extreme Inklusionisten akzeptieren jedes Artikelthema, solange es sich nicht um vandalistische Einträge handelt (“Herr Müller ist doof und stinkt.”). Exklusionisten möchten die Artikelanzahl tendenziell beschränken, um die Qualität und Wartbarkeit zu erhöhen. Im Extremfall soll die Wikipedia zum besseren Brockhaus werden.

Tims salomonische Lösung: Irgendwo in der Mitte treffen. Mit anderen Worten: Die Diskussion um die Relevanz ist notwendig, erwünscht und völlig normal. Das Problem ist lediglich, dass die zuweilen ruppigen Diskussionen und schliessliche Löschung von Artikeln, die gemäß der Relevanzkriterien nicht in die Wikipedia gehören, eine Vielzahl gerade neuer Autoren frustrieren und von der weiteren Mitarbeit abschrecken.

Relevanz und Qualität

Auf den ersten Blick erscheinen manche Relevanzkriterien bürokratisch, kleinlich und willkürlich: “Ein Musikfestival ist relevant, wenn es mindestens einmal 10.000 Besucher verzeichnen konnte oder es über mindestens zehn Jahre von mehr als 5000 Personen besucht wurde.” Allerdings sind sämtliche Kriterienkataloge Ergebnis einer Diskussion, die von den Wikipedianern geführt wurde und geführt wird. Dies sind meist Autoren des jeweiligen Fachgebiets. Damit beantworten die Relevanzkriterien oft nicht nur die Frage, worüber in der Wikipedia geschrieben werden kann und soll, sondern geben auch Aufschluss darüber, welche Informationen ein Artikel mindestens enthalten muss und auf welche Weise diese abgesichert sein müssen. Relevanzkriterien sind gleichzeitig auch Qualitätskriterien.

Ganz wichtig: Auch die derzeit gültigen Relevanzkriterien haben z. T. diverse Löschanträge überstanden, entsprechen somit dem Konsens einer Fachgemeinschaft und bleiben trotzdem ständig im Fluss und prinzipell änderbar.

Als Ergänzung kann ich sehr die einführende Selbstbeschreibung der Wikipdia sowie einen Blick in die Relevanzkriterien empfehlen.

Es bleibt ein herzliches Dankschön an Tim Bartel, die aktive Zuhörerschaft und … die Wikipedia.

Der Vortrag ist als Video verfügbar. (Leider in nicht optimaler Qualität. Wir arbeiten daran …)